Diözese
Münster (cpm).
Die Praxisgebühr muss nach Ansicht der
Caritas in der Diözese Münster abgeschafft werden. Sie habe ihren Zweck
verfehlt und halte nur Menschen in Armut von notwendigen Arztbesuchen ab.
"Wie soll das passen, wenn es für vier Quartale nur 30 Euro gibt?",
fragte Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann auf einer
Diskussionsveranstaltung zum Caritas-Jahresthema "Armut macht krank"
am Montagabend in Münster. Auch für die künftige Landesregierung sah Kessmann
Aufgaben, die kurzfristig anzupacken seien.
Einig war Kessmann
sich mit Staatssekretärin Marlis Bredehorst aus dem NRW-Gesundheitsministerium,
dass vor allem die Zusammenarbeit der Hilfesysteme gestärkt werden müsse, wenn
man Vorbeugung ernst nehmen wolle. Bredehorst sieht "die eigentlichen
Parallelgesellschaften" bislang im Gesundheits- und Sozialsystem. Um die
Verzahnung zu erreichen, müssten die Kommunen gestärkt werden, um ihre
vornehmliche Aufgabe der "Daseinsvorsorge" weiterhin wahrnehmen zu
können. Der jetzt beschlossene Stärkungspakt reicht nach Ansicht von Kessmann
dazu nicht aus.
Eindeutig und
erschreckend ist der Zusammenhang zwischen Krankheit und Armut. Auch da waren
sich die Vertreter der Caritas und Landesregierung in Vorträgen und
Podiumsdiskussion einig: Die Lebenserwartung von Männern liegt um elf Jahre
niedriger, Wohnungslose sterben im Durchschnitt 30 Jahre früher. Meist beginnt
das Problem in der Kindheit und setzt sich über Generationen fort.
Kindertagesstätten
und die Offene Ganztagsgrundschule bieten nach Ansicht der Caritas nicht
ausreichend genutzte Chancen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Sie müssten
mit sozialen Hilfen vernetzt werden. In der Unterstützung der Familien sieht
Kessmann die Sozialreformen der vergangenen Jahre als gescheitert an. Zu einseitig
sei es dabei um das "Fordern" und rein existenzsichernde Regelsätze
gegangen. Übersehen worden sei dabei, dass es für das versprochene
"Fördern" Menschen gebraucht würden, die den Familien zur Seite
ständen.
Der Staat habe sich
immer weiter zurückgezogen, kritisierte Kessmann. Tafeln, Suppenküchen oder
auch die Migrantenmedizin des Malteser Hilfsdienstes in Münster bis hin zur
Kinderschutzambulanz der Caritas-Kinder- und Jugendklinik in Datteln würden
ehrenamtlich und auf Spendenbasis arbeiten. "Soziale Gerechtigkeit und die
Sicherung einer menschenwürdigen Existenz ist und bleibt aber die erste und
wichtigste Verpflichtung des Sozialstaates," betonte Kessmann.
043-2012 24.
April 2012